Patchwork-Familien
Patchwork-Familien

Der traditionelle Familienbegriff beginnt sich immer mehr zu wandeln. Was man früher noch Stieffamilie nannte, heißt heute Patchwork-Familie. Etwa jede fünfte Familie in Deutschland besteht aus dieser Form des Zusammenlebens. Das Leben in der Patchwork-Familie ist alles andere als einfach. Diese Familiengemeinschaft bedeutet immer eine große Herausforderung. Im Gegensatz zu anderen Familienformen gibt es hier häufig noch mehr Erziehungsprobleme, Meinungsverschiedenheiten, Anpassungsschwierigkeiten, Enttäuschungen und Ablehnungen.

Jede Patchwork-Familie ist anders: In ihrer Entstehungsgeschichte, der individuellen Zusammensetzung und in ihrem Familienleben. Es gibt daher kein Patentrezept für den Alltag einer Patchwork-Familie. Aber es gibt hilfreiche Tipps und Regeln, wie man das Zusammenleben der neuen Familienmitglieder erleichtern und wie der Familienalltag funktionieren kann. Damit eine Familie und ein neues Zuhause entstehen, in dem sich alle wohlfühlen und miteinander auskommen können. Egal, wie unterschiedlich die Zusammensetzung ist.

Was ist eine Patchwork-Familie?

Als Patchwork-Familie werden solche Familienformen bezeichnet, die vom klassischen Vater-Mutter-Kind(er)-Ideal abweichen. Meistens entstehen sie nach Scheidungen oder Trennungen, wenn Elternteile mit einem neuen Partner eine Beziehung eingehen. Es spielt dabei keine Rolle, ob die beiden Partner miteinander verheiratet sind oder ohne Trauschein zusammenleben. Aber es gibt in diesen Familien immer Kinder: Entweder bringt die Mutter ihre Kinder mit in die neue Familie, in anderen Fällen der alleinerziehende Vater - oder es haben beide Elternteile eigene Kinder, die noch bei ihnen wohnen. Häufig leben Kinder aus einer früheren Beziehung beim Ex-Partner und sind dann am Wochenende zu Besuch. Oder es gibt in dieser neuen Beziehung noch gemeinsamen Nachwuchs. Als Patchwork-Familien werden häufig auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern bezeichnet sowie Pflege- und Adoptivfamilien. Als Patchwork bezeichnet man im Englischen eine bunte Decke aus vielen unterschiedlichen Flicken. Und diese zusammengewürfelten Teile können trotz aller Unterschiedlichkeit eine wunderbar harmonierende Einheit bilden. Wie auch eine Patchwork-Familie.

Problem: Gesetzliche Regelungen

Die gesetzlichen Regelungen sind bisher noch weitgehend auf die durch Ehe und Abstammung legitimierte Kernfamilie ausgerichtet. Auch bei (Kranken-)Versicherungen werden Patchwork-Familien häufig noch benachteiligt. Daher kommt es für Patchwork-Familien häufig neben den verschiedenen praktischen und persönlichen Schwierigkeiten auch zu rechtlichen Problemen. Ob Sorgerecht, Umgangsrecht, Unterhaltsrecht, Adoptionsrecht oder Erbrecht: Der Gesetzgeber hält kaum Gesetze oder Regelungen für den Fall Patchwork-Familie bereit. Betroffene sollten sich daher bei Bedarf von einem Anwalt beraten lassen.

Kinder haben die größten Schwierigkeiten

Der häufigste Satz von Kindern gegenüber dem neuen Partner von Mama oder Papa lautet wohl "Du hast mir gar nichts zu sagen!" Viele Kinder können einen neuen Lebensgefährten ihrer Eltern nur schwer akzeptieren und ihn als Autoritätsperson ansehen. Auch Stiefgeschwister sind meistens eher Konkurrenten als Freunde. Einzelkinder müssen plötzlich teilen oder das vorher älteste Kind hat auf einmal noch ältere Geschwister, die es bevormunden wollen. Machtspielchen, subtil oder offen feindselig ausgetragen, sind daher an der Tagesordnung in einer Patchwork-Familie. In den Kindern herrschen Gefühle von Angst, Unsicherheit, Trauer und Wut. Häufig reagieren Kinder mit Aggressivität innerhalb der Familie und gegen ihre Mitschüler oder mit einem Leistungsabfall in der Schule: Ein Zeichen von (scheinbar) mangelnder Aufmerksamkeit, die Kinder durch extreme Taten so recht einfach wieder erlangen können. Jeder versucht, in der neuen Familie seine eigene Stellung zu behaupten: Kinder spielen Eltern gegeneinander aus und der neue Partner versucht, bewusst oder unbewusst, sich beim Stiefkind einzuschmeicheln oder nach seinen Vorstellungen zu erziehen. Auch die Ex-Partner nehmen noch in vielen Fällen eine große Rolle im Leben der neuen Familie ein: Sie können ihre Kinder hinsichtlich der neuen Beziehung beeinflussen, indem sie die Kinder nach dem neuen Partner ausfragen oder abfällige Kommentare von sich geben. Diese Art von indirekter Einmischung hat immer negative Folgen - für die Kinder sowie auch für die neue Beziehung des Ex-Partners.

Ideal: Wenn die Eltern Freunde bleiben

Am besten ist es, wenn die erwachsenen Beteiligten zum Wohle ihrer Kinder miteinander reden und gemeinsam eine Lösung für alle suchen können. Ein regelmäßiger Kontakt zum abwesenden Elternteil und ein halbwegs freundschaftlicher Umgang der Ex-Partner miteinander fördern positive Entwicklungen in der neuen Familie erheblich. Denn so fühlen sich die Kinder mit der neuen Situation weniger überfordert oder zurückgesetzt. Sie lernen die neuen Partner ihrer Eltern schneller zu akzeptieren: Mama und Papa müssen nicht geteilt werden, und sie lieben ihr Kind weiterhin genauso wie vorher. Auch sollte man den Kindern erklären, dass das der neue Partner nicht den fehlenden Elternteil ersetzt, sondern eine Ergänzung, einen Familienzuwachs darstellt. Diesen Balanceakt der Bedürfnisse des Einzelnen und des ständigen Miteinanders täglich zu bewältigen, ist die größte Herausforderung in einer Patchwork-Familie.

Konfliktherd Erziehung

In einer Patchwork-Familie kommt es häufig zu Streitigkeiten, wenn die Partner unterschiedliche Erziehungskonzepte verfolgen. Männer wollen in der Erziehung mitbestimmen und schlagen oft einen sehr autoritären Ton an. Frauen wollen (unbewusst) die Ex-Frau ausstechen und beweisen, dass sie die bessere Mutter sind. Das führt oft zu Frust und Konflikten. Deshalb müssen die neuen Partner unbedingt miteinander reden, um eine gemeinsame Linie in der Erziehung der Kinder und Stiefkinder zu finden. Eltern sollten überlegen, welche Gewohnheiten für die Partner und die Kinder wichtig sind und welche neuen Rituale man gemeinsam entwickeln kann. Vertrauen untereinander baut sich nur langsam auf - und das bedeutet vor allem Geduld und Verständnis für das seelisch verletzte Kind. Und das ist zunächst immer der Fall, egal wie freundschaftlich der Umgang zwischen den Ex-Partnern noch ist, denn Kinder leiden auch nach Jahren noch unter der Trennung ihrer Eltern. Die biologischen Eltern stehen für die Kinder immer an erster Stelle. Der neue Partner hat daher eher eine Chance auf Zuneigung der Stiefkinder, wenn er die leiblichen Eltern akzeptiert und nicht zu ersetzen versucht. Wichtig ist, dass sich die ganze Familie Zeit füreinander nimmt und auch miteinander verbringt. Und jeder braucht auch mal eine Weile für sich und sollte sich zurückziehen können und dürfen. Jeder sollte genau die Zeit bekommen, die er braucht, um sich an die neue Situation und die veränderten Familienverhältnisse zu gewöhnen. Wenn die Regeln des Zusammenlebens geklärt sind, können Eltern und Kinder nach und nach ihren Platz in der neuen Familie finden.

Praktischer Gesichtspunkt: Der Umzug

Das Zuhause selbst stellt ebenfalls eine Herausforderung an die Patchwork-Familie. Damit ein vernünftiges Zusammenleben klappt, sollte jedes Familienmitglied optimalerweise ein eigenes Zimmer oder einen eigenen, klar definierten räumlichen Bereich erhalten. Bei sehr vielen Familienmitgliedern ist es natürlich nicht immer möglich, so dass sich Kinder ihre Zimmer auch teilen müssen. Aber ein eigenes Regal, eine Kommode oder eine Kiste für die eigenen Sachen sollte für jedes Kind vorhanden sein. Und diese persönliche Ecke ist tabu für die anderen. Wenn man mit der neuen Familie gemeinsam unter einem Dach wohnen möchte, sollte man den Umzug in eine neue, größere Wohnung ernsthaft in Erwägung ziehen. Dadurch hat niemand einen Heimvorteil im bekannten Umfeld und Zuhause. Der Streit um das eigene Revier, das Festhalten an alten Gewohnheiten und Ritualen sowie vor allem die Erinnerungen an die Vergangenheit können mit einem Umzug vermieden und hinter sich gelassen werden. Alle fangen bei Null an und können sich so ein neues, gemeinsames Leben aufbauen. Das Leben in einer Patchwork-Familie bedeutet, Kompromisse einzugehen und auch kleine und große Veränderungen zu akzeptieren.

Die schönen Seiten der bunten Familie

Das große Potential an Herausforderungen in einer Patchwork-Familie bietet gleichzeitig ein hohes Maß an Entwicklungsmöglichkeiten. Diese Lebensgemeinschaft kann für alle Familienmitglieder eine Bereicherung darstellen: Alleinerziehende erhalten mehr Unterstützung im Alltag, die Kinder bekommen mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung und haben bei Problemen einen weiteren Ansprechpartner. Kinder aus Patchwork-Familien profitieren ungemein von der flexiblen Rollenverteilung innerhalb der Familie. Sie lernen schneller Verantwortung (zum Beispiel für neue, kleinere Geschwister) zu übernehmen, sie sind meistens kompromissbereiter, selbstbewusster und selbständiger. Zudem entwickeln sie eine hohe soziale Kompetenz, sind toleranter und aufmerksamer im gesellschaftlichen Umgang.

An einer Patchwork-Familie muss Tag für Tag hart gearbeitet werden. Der Zusammenschluss zu einer neuen Familie bedeutet ein hohes Maß an Geduld, Liebe und starke Nerven, Organisationstalent, Verhandlungsgeschick, Gesprächsbereitschaft und Konfliktfähigkeit. Patchwork-Familien brauchen im Schnitt tatsächlich etwa fünf Jahre, um zu einem gemeinsamen und einigermaßen harmonischen Leben in der neuen Familie zusammenzuwachsen. Aber eines steht fest: Das Modell Patchwork-Familie wird in Zukunft mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.

Extra-Tipps: Unterstützung und Austausch

Im Internet gibt es zahlreiche weiterführende Hilfeseiten und Foren für den Austausch unter Gleichgesinnten:
http://www.stieffamilien.de
http://www.patchworkforum.net
http://www.blended-family.de
http://www.zweitfamilien.de

Buch-Tipps zum Thema:
Barbara Link "Moderne Familienformen. Navigationshilfe für Alleinerziehende und Patchwork-Familien", humboldt 2008, TB 8,90 Euro

Marie-Claude Vallejo "Patchwork-Mama: Neue Familie, neues Glück", Herder 2007, Broschiert 8,90 Euro
 
Stefanie Glaschke "Unsere Patchwork-Familie: Mit gemeinsamen Übungen fürs neue Familienglück", Urania 2005, Taschenbuch 12,95 Euro